Ärzte für jung und alt

Man wird doch älter und hat eine Menge zu tun, bis man den alternden Körper wieder auf Vordermann gebracht hat. Schließlich will Oma fit sein, bis das Enkelkind kommt, allerdings nicht so unbedingt mit Sport. Es gibt da ein Thema, das uns alle angeht: Vorsorge. Krebsvorsorge, Zahnarztbonusprogram, Augenarzt, damit man jedes Detail beim Baby erkennen kann. Klingt bestimmt witzig aus meinen Tasten, denn ich bin das, was man die typische Antiarztgeherin nennt. Aber irgendwie ist das gegen Ende des Lebens nicht anders wie am Anfang, man findet sich trotzdem immer mal wieder in einer Praxis.

Im Grunde macht das auch keinen Sinn zum Arzt zu gehen. Hast Du Husten oder Schnupfen, kann man sich auch selbst in der Apotheke bedienen, denn ohne Medikamenten gilt für derlei körperlichen Unwohlseins: drei Tage kommt das, drei Tage bleibt das und drei Tage geht das und mit Medikamenten braucht die Genesung 1 ½ Wochen. Also nichts gewonnen. Da das saisonbedingt ist, wird sich sehr wahrscheinlich beim Arzt im Wartezimmer auch noch den Rest holen.

Es gibt in der Medizin bestimmte Fachrichtungen, die liebe ich geradezu und so manch ihrer Vertreter, wenn ich diese sehe, könne ich das nackte Grausen bekommen. Da wären einige Orthopäden und einer im Besonderen. Er praktiziert im Großraum Spandau, also am Stadtrand und dort als alleiniger Orthopäde. Er behandelt alle Patienten gleich. Jeder Patient hat seine eigene Kabine, die durch einen Vorhang von der Nachbarkabine getrennt ist, so dass man auch ganz bestimmt hört, was Müller-Schulze aus der Nachbarkabine hat, der neben bereits aufgezogenen Spritzen auf seine Abfertigung wartet. Ich denke mal der lässt morgens 100 Spritzen aufziehen und die müssen dann auch abgearbeitet werden, wurscht ob das Medikament vertragen wird oder nicht. Rinn‘ damit und gut ist.

Dann hätte ich da noch die Terminvergabe für ein MRT im Programm und zwar zu Ende Oktober oder Anfang November:

„Ich hätte gerne einen Termin zum MRT.“

Blätter, blätter, raschel.

„am 17. Dezember“

„Bitte?“

„Am 17.Dezember“

„Machen Sie Witze? Wer um Himmels Willen hat Zeit am 17. Dezember Zeit zu einem MRT zu gehen? Wissen Sie nicht dass da bald Weihnachten ist? Am Ende verdirbt man sich dann vielleicht auch noch mit der Diagnose das Fest? Nee, das lassense mal.“

Die Dame war pikiert, dass ich diesen gnädigen Termin nicht angenommen hatte. Nee, dann lieber kein MRT.

Eine Frage, die ich für den Termin zu einem Facharzt besonders liebe:

„Bringen Sie bitte eine Überweisung mit.“

„Bitte?“

„Na bringen Sie bitte eine Überweisung von Ihrem Hausarzt mit.“

„Hausarzt?“

„Ja, Hausarzt.“

„Isch abe keinen Ausarzt.“ Zu deutsch: Ich habe keinen Hausarzt.“

„Sie werden doch einen Hausarzt haben? Wer schickt Sie denn?“

„Ich habe keinen Hausarzt und ich bin meine eigener Gesundheitsmanager und schicke mich selbst.“

Ich lehne Hausärzte keineswegs ab, nur ich brauche nur dann einen, wenn ich wegen sehr hohen Fiebers eine Lesung ausfallen lassen muss. Ansonsten manage ich meine Gesundheit oder Krankheit selbst, weiß wann ich warum zu welchem Arzt gehen muss. Ich werde auch niemals zulassen, dass irgendwelche Befunde oder sonstige Daten auf meiner „Gesundheitskarte“ gespeichert werden, weil es keine absolute Datensicherheit gibt. Für ganz alte Menschen mag das in Ordnung sein, aber da wäre ich dann doch noch ein ganzes Stück entfernt.

Ich hatte für meine Kinder eine tolle Kinderärztin, damals, als wir noch nicht in Berlin gelebt haben. Sie war von robuster Natur und eine kernige Ausstrahlung, hat Antibiotika vermieden so lange es zu vermeiden war, absolvierte Hausbesuche in unserem dritten Stockwerk und war auch ansonsten für uns Tag und Nacht ansprechbar. Sie war auch für mich in einer ganz speziellen Situation da: Einmal fuhren der werdende Opa und ich, nachts von einem Geburtstag über die Autobahn nach Hause. Es war Anfang Dezember und eine stockdunkle, regnerische Nacht. Wir wollten den Zubringer auf eine andere Autobahn nehmen kamen als Ersthelfer zu einen schweren Autounfall. Die Einzelheiten erspar ich Euch, aber unsere fröhliche Partylaune war schlagartig zu Ende. Fünf junge Leute waren verunglückt, davon war einer sofort tot, ein zweiter starb als wir noch dort waren und eine junge Frau war scherverletzt. Das war nicht so ganz einfach wegzupacken, weil man sich ständig fragt, ob man alles richtig gemacht hat. Andreas hatte bei der Oma übernachtet, die meinte, dass er nicht so gut drauf war und sich ständig ans Ohr fassen würde. Wer kennt nicht diese grausamen Ohrenschmerzen? Also ging ich ihm zur Ärztin hin und nachdem sie ihn untersucht und mein Verdacht bestätigt hatte, da begann ich ihr von dem Unglück nachts zu erzählen. Sie rief ihre Sprechstundenhilfe, gab ihr Andreas an die Hand und wies an, dass sie nicht gestört werden wollte und dann hat sie einfach zugehört, Fragen gestellt, noch mal gestellt und mir jeden Zweifel genommen Fehler gemacht zu habe. Das habe ich ihr nie vergessen. Meiner Jüngsten hatte sie zur Taufe das Stechen von Ohrlöchern geschenkt, weil sie sich so für uns gefreut hatte, dass wir noch ein Baby bekommen haben. Nicht aus dem Blickwinkel der Kundschaft, sondern weil wir uns sympathisch waren.

Kinderarztpraxis, die Heimat aller Eltern und wenn man zwei Kinder hat, die gerade mal zwei Jahre auseinander waren, da hat man zu manchen Zeiten ein Dauerabo, denn wenn eins wieder gesund ist, wird das andere krank. Aber auch das geht wieder vorbei, das ist der absolut einzige Trost, den man als Eltern hat. Irgendwann sind die ersten Infekte und alles was dazu gehört vorbei und das Leben kann richtig gut werden. Übrigens waren wir damals nicht krank, man sagt ja, dass die Kinder eine Menge von den Kindergärten nach Hause schleppen, wir blieben weitest gehend davon verschont.

 

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