„Das Licht am Ende“ von Claudia Giesdorf

"Das Licht am Ende" ist nach "Seelenschnitte" der zweite Psychothriller der Autorin Claudia Giesdorf.

Helena ist auf der Flucht vor David und zieht in das Haus der verstorbenen Johanna ein. Sie hat, um nicht gefunden zu werden ihre Identität verändert, versucht Juli aufzulösen und Zwei nicht zu sein, was ihr gelingt, fast jedenfalls, da sich Juils Zwangsneurose nicht wie ein Ring einfach abstreifen lässt. Sie zieht in das „Dunkle Haus“ auf der Lichtung, auf der drei Häuser stehen. In einem lebt Anuk, eine Frau, die der Gewalt in ihrer Beziehung entflohen ist und Salim, der von den Schuldgefühlen am Tod seiner Familie geplagt wird. Kurz nach Helenas Einzug in die „Dunkle Hütte“ wird die Ruhe der Lichtung massiv gestört. Zuerst Geschehnisse, die auf Anuks Vergangenheit deuten, dann welche, die auf Salim abzielen und dann gerät David ins Spiel vor dem Juli geflohen ist und der offensichtlich Helena gefunden hat. Wir David wird kommen, dann irgendwann und wenn niemand damit rechnet?

Zuerst die Nebenfiguren: Da ist Salim. Seine Familie starb bei einem Unfall. Er verbringt einige Wochen des Jahres in der Hütte, streift nachts durch den Wald, um den Stimmen des Waldes, denen seiner Familie, die bei einem Unfall ums Leben kommt, nahe zu sein oder um sie zu bekämpfen oder um darauf zu warten, dass sie verstummen und er frei von jeder Schuld gesprochen ist.  Seine Sanftheit, sein Dasein erobert Helenas Herz und verlässt trotzdem die Lichtung.

Da ist Anuk. Wäre das „Das Licht am Ende“ ein Film und wäre dieser für Oskars eingereicht, Anuk bekäme einen Oskar als beste Nebenrolle, als das Non Plus Ultra der Nebenfiguren schlechthin. Sie ist unglaublich gut beschrieben, hat dabei eine starke Präsenz, und bleibt doch eine Nebenfigur. Claudia Giesdorf schafft in ihren Werken es immer, egal, ob Liebesroman oder Psychothriller ihre Nebenfiguren brillieren zu lassen, ohne sie in den Raum ihrer Protagonisten eindringen zu lassen. Ein weiteres Beispiel: Meine persönliche Lieblingsnebenfigur „Birte“ aus „Irgendwas mit Liebe“, den sie unter dem Pseudonym Jana Herbst geschrieben hat. Beide, Birte wie Anuk sind schräg, aber liebenswert. Die Beschreibungen von Anuk, ihr Aussehen, ihr Handeln, ihre schräge, aber irgendwie doch normalen Lebensart sind einfach herrlich. Auch hier einmal mehr eine brillante Wortwahl vor allem dort, wo Anuks Zopf alles tut oder nichts, sind einfach göttlich.

Die Protagonistin Helena: Ich habe ein etwas gestörtes Verhältnis zu ihr und schwanke zwischen Mitleid und Verständnis. Ich habe mich gefragt, wie Helena an die Hütte der Johanna gekommen ist, welches Verhältnis sie zu ihr hat, vor allem, da sie die Gegenwart der Toten zu spüren scheint. Was einen guten Thriller ausmacht ist auch die Vergangenheit. So auch hier, er erzählt sie aber immer so, dass der Leser sofort weiß, dass die Autorin die Gegenwart verlassen hat. Egal, ob gerade das Leben von „Zwei“ oder „Juli“ erzählt wird, man ist jederzeit orientiert, muss nicht darüber nachdenken, wo man gerade ist. Die tiefsten Gründe der Seele eines Menschen bestimmen die Qualität eines Psychothrillers und die ist hier absolut gegeben. Die Geschichte der „Zwei“, die ihrer Kindheit löst Wut aus, löst Fragen aus, was eine moderne Gesellschaft zulässt. Sie lässt viel zu, zu viel, weil sie blind ist. Blind für das, was in abgeschotteter Gemeinschaft geschieht. Egal wo auch immer, ob hierzulande oder in fernen Ländern, die Gesellschaft schaut immer nur zu, nein, eher sie schaut weg. Ich spüre Wut beim Lesen, die sich kaum beherrschen lässt, weil ich weiß, dass hinter verschlossenen Türen oftmals das Grauen lebt. Auch hier, die Worte mit denen die Autorin ihren Lesern das Schicksal der „Zwei“ und „Juli“ erzählt, hält sie in diesen Mauern gefangen, führt sie hinunter auf den Grund dessen, wozu Menschen fähig sind und entlässt sie in dem Wissen, verletzte Seelen zurückzulassen, wenn sie gehen.  Die Wut nimmt der Leser mit und am Ende erst, wenn der ureigenste Wunsch des Menschen erfüllt ist, ebbt sie ab.

Überhaupt ist Claudia Giesdorf eine Meisterin des Wortes, wie es kaum ein Autor, eine Autorin aus dem Genre „Psychothriller“ beherrscht. Ihr Repertoire an Worte ist unerschöpflich, sucht seinesgleichen. Sie setzt sie geschickt ein und verstärkt so das Erzähltempo ihres Werkes: manchmal atemlos und dann wieder fast beruhigend, wenn ihr Nebenfiguren ins Spiel kommen. Der Wind, der über die Lichtung fegt, der pfeift nicht einfach durch den Wald, er schmatzt oder fließt durch Ritzen der Hütten und trägt die Leser mit ihm in die Geschichte hinein, setzt sie mitten im Geschehen ab. Irgendwann jedoch ebbt er ab und leitet das Ende der Geschichte ein. David kommt, Ende der Geschichte? Nein, ist es nicht. Das Ende der Psychothriller von Claudia Giesdorf ist niemals dort, wo der Leser/die Leserin denkt, das ist es nun: Fall geklärt und gut ist. Nein, an diesem Punkt erst macht sie weiter und entlässt erst dann aus der Story, wenn sie es bestimmt, nicht wann es erwartet wird. Das Ende ist phänomenal und unerwartet.

Ich verschweige an dieser Stelle nicht, dass ich Claudia Giesdorfs Mutter bin, so habe ich es nicht blind in mütterlicher Liebe gelesen, sondern mit sehr kritischen Augen. Ich habe für mich eine Unebenheit in der Geschichte gefunden, aber welcher Autor schafft es, dass ihm das nicht passiert? Dafür hat er Testleser, die das bemerken sollten und da sie es nicht bemerkt haben, gibt es für mich keinen Grund, hier darauf näher einzugehen, vielleicht ist ja gar nicht so wichtig. Letztendlich ändert es auch nichts daran, dass der Autorin ein Werk gelungen ist, das einfach brillant ist: Schlüssigkeit,  Wissen um das menschliche Tun und Handelns, sehr große Belesenheit, Wortwahl und unendlicher Wortschatz, Spannungsaufbau und Erholungsphasen, die sie dem Leser gestattet. Besser kann man nicht schreiben. Sie spielt mit den Emotionen ihrer Leser, bestimmt ob er Wut oder Mitleid empfinden darf, ob er mit dem Wind fliegen darf, ob er von ihm getragen wird, oder ob er von ihm einfach fallen gelassen wird. Nur dem Wind erlaubt sie die Leser und Leserinnen in den Thriller hineinzutragen und am Ende ist es die Windstille, die aus ihrem Thriller entlassen darf. Ich bin sehr stolz auf meine Tochter.

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