Früher war alles ein wenig anders

Früher war alles besser. War es das wirklich? An manchen Stellen schon, an anderen vielleicht nicht unbedingt besser, aber anders. Früher, da war durchaus so einiges einfacher. Da konnte man auch mal über die Stränge schlagen, konnte auch mal Blödsinn machen, ohne, dass gleich das Schwerverbrechen dahinter vermutet wurde. Heute geht das nicht mehr. Alles hat sich verändert, ist anders geworden und nein, das hängt nicht an dem Fall der Mauer, das hängt einfach an der Zeit, an den veränderten Lebensumständen.

Es war Vieles einfacher gewesen, das ist einfach so, egal ob es unsere Kinder, deren Kinder oder uns selbst betrifft. Natürlich spielt die Technik, die ich keineswegs verdammen möchte, eine Rolle, aber nicht ausschließlich Social Media, das passt, dass es das gibt, sondern auch das veränderte Medienverhalten. Da ist plötzlich einer ein Raser, der gerade mal 5 km/h zu schnell gefahren war, da ist ein junger Mensch, der sich eben mal einen Rausch abgeholt hat, ein Trinker, da ist eine Jugendliche, ein Jugendlicher, der nach der Sperrstunde in der Disco erwischt wird, ein Rumtreiber, eine Rumtreiberin. Da habe ich etwas dagegen, das finde ich doof, denn meist reicht schon, dass es dem Trinker am nächsten Tag übel ist, dass der Rumtreiber nach Hause gebracht oder von der Wache abgeholt werden muss. Viele in meinem Alter werden sich erinnern, dass sie auch dann in der Disco gewesen waren, wenn sie eigentlich hätten zu Hause sein sollen. Sperrstunde, ein Albtraum, damals wie heute. Ich kann mich erinnern, dass meine Schwester mal bei einer solchen Razzia nach der Sperrstunde im „Capri“ erwischt worden war. Das Capri war damals ein beliebter Treffpunkt junger Menschen, es gibt es schon lange nicht mehr. Ihr damaliger Freund, rund zwei Jahre älter und bereits volljährig, und ihr späterer Mann brachte sie nach Hause, um meinem Vater das gleich zu beichten. Sie weckten meinen Vater und beichteten und er fragte „und deswegen habt ihr mich geweckt? Das regeln wir morgen.“. Sprach und ging wieder weiterschlafen und ehrlich, er konnte das, hat sich in seinem Bett und die Decke gerollt und ist sanft entschlummert. Am nächsten Tag dann machte er einen Anruf und die Sache war erledigt. Jeder kannte jemand, der irgendwie bei der Polizei gearbeitet hat und da es das erste Mal gewesen war, war das erledigt. Problemlos. Meine Eltern, und das ist sehr viel wichtiger als das, was die Polizei hätte ausrichten können, haben uns vertraut. Ich habe meinen Kindern an der Stelle auch immer vertraut und wenn eine meiner Töchter durch die Polizei nach Hause gebracht worden wäre, weil sie nach der „Sperrstunde“ in einer Disco gewesen wäre, oder einen sonstigen Blödsinn gemacht hätte, dann hätte das auch für sie erst mal keine Konsequenzen gehabt. Gut, es war nie vorgekommen, aber, wenn ich meiner Tochter die Erlaubnis gebe, etwas zu tun, weil ich annehme, dass sie dafür alt genug ist, dann hat mir da niemand hinein zu reden. Das ist der Punkt heute, der mir nicht gefällt: Da steht dann irgendwo bei einer Razzia ein Kamerateam dabei und filmt und interviewt und und und, die bösen Kinder treiben sich auf der Straße, in der Disco herum. Sie fahren dann noch mit zu den Kids nach Hause, um die Reaktion der Eltern zu sehen, die, aus dem Schlaf geholt aussehen, wie eben abgeklatscht und alle Welt denkt, kein Wunder, dass die Kinder sich rumtreiben! Wenn meine Tochter die Jüngste in der Klasse ist, weil sie früher eingeschult worden war, dann wäre sie doch immer ausgegrenzt gewesen, wenn die in der Clique ein Kino, eine Disco unsicher machen haben. Nein, packt den erhobenen Finger wieder runter. Die Zahl der Straftaten, begangen durch Jugendliche, ist rückläufig, zugegeben sie hat an Brutalität zugenommen, aber da sollten wir uns alle überlegen warum. Je weniger ein Gewaltvideo angeklickt und geteilt wird und wenn angeklickt, dann nur von der Polizei, desto besser. Deutlich weniger wäre hier deutlich mehr. Das gilt auch für sämtliche Fernsehsender im Land rauf und runter. Wenn ein TV-Sender sich hinstellt und sagt, dass es ein Video gibt, aber man sich nicht einreiht es auszustrahlen, der hat meine allerhöchste Achtung und wer weiß, vielleicht reihen sich dann noch mehr ein. An der Stelle war alles einfacher, leichter, die Gefahren, die durch das Internet ausgehen, dürfen bei allen positiven Aspekten von Social Media nicht verharmlost werden, wir reden da nicht nur von Gewalt, sondern auch von Foren wo sich stark Suizid gefährdete Menschen treffen, oder solchen die Mädchen dazu verleiten können in eine Bulimie oder eine Anorexia nervosa abzugleiten, Jungs übrigens auch, solche Foren, die eigenartige Gewaltspiele mit- und gegeneinander spielen, Foren in denen pädophile Männer sich als Jungs der gleichen Altersgruppe ausgeben. Als Eltern steht man dem ziemlich machtlos gegenüber und die Liebe der Eltern zu ihren Kindern alleine hilft meistens nicht. Was tun? Natürlich wachsam sein, etwas, das man als Eltern an der Stelle eigentlich niemals tun will, Kontrolle ausüben, aber wer kann das 24 Stunden, 7 Mal die Woche, 12 Monate im Jahr? Das kann niemand und mit dem Finger auf jene zu zeigen, die es nicht schaffen, das geht gar nicht, weder durch die Medien, noch durch Social Media, noch durch den Nachbarn, die Nachbarin. Ich hätte heute absolut keine Ahnung was ich tun könnte, was ich tun würde, wenn das bei einem meiner Kinder da Fall gewesen wäre. Keine Ahnung, absolut nicht.

Es war in meiner Jugendzeit das Leben einfacher, es war unbeschwerter, es war sicherlich gelegentlich komplizierter, weil die Leute noch nicht mal alle Telefon hatten, aber irgendwie haben wir uns getroffen, hat das irgendwie immer geklappt. Meine Eltern waren für diese Zeit Ausnahmeerscheinungen in vielerlei Hinsicht, mit ihnen im Rücken konnte uns nichts geschehen. Im Rückblick hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle auch mal etwas mehr Strenge gewünscht, im Rückblick wohl bemerkt, damals logischerweise aber nicht. Ich war mal in der Disco „Cockpit“, das war die angesagteste Disco damals, in Begleitung meines Freundes, nein, ich habe diesen nicht geheiratet. Ich weiß nicht mehr viel von ihm, aber sein Vater war Metzger und Dackelzüchter und der Junge hatte früh ein Auto, einen Renault R6, was ein „In-Auto“ damals war, das mit den Schalthebeln, ihr wisst schon vorne, mit Zug bis nach hinten. Immerhin, der Junge hatte ein Auto, aber das war es dann auch und es war eben der eine oder andere Dackel zu viel mit in der Disco, ich war damals bestens über Dackelzucht informiert. Das war es dann auch gewesen. Außerdem kam da dann auch noch mein Bruder in die Disco herein, mit seiner Freundin und späteren Frau. Er war irgendwie sauer als er seine kleine Schwester sah, mit einem Typen, der auch noch ein Auto hatte. Der große Bruder eben. Das erzählte er dann am nächsten Tag meinem Vater, das wäre doch unmöglich und „die“ hat doch gar nicht dort zu sein, sondern zu Hause, am Fernsehen mit Mama und Papa. Mein Vater ließ ihn Dampf ablassen, ließ ihn quatschen und dann ließ er ihn abfahren, dass er, mein Bruder nicht zu bestimmen habe, was mein Vater mir erlauben würde und was nicht. Ja, das waren noch Zeiten. Ich damals so gerade mal 15 Jahre alt, die Disco, wer hat damals den Ausweis kontrolliert? Da kam die Durchsage, dass es nun 22 Uhr ist und alle unter 18 Jahren gehen müssten. Aha.

Das ist alles anders heute, längst nicht mehr so beschaulich, alles so rasend, so uncool. Aber okay, ich schätze mal, dass das meine Kinder irgendwann auch mal sagen werden, damals war das doch alles noch gemütlicher. Macht es Euch mal gemütlich heute, genießt den Tag, raus aus Social Media, Handy abschalten,, zurück lehnen, ein Buch lesen, spazieren gehen. Einfach mal ab und an die Welt draußen lassen, da ist sie gut aufgehoben.

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