„Identität unbekannt“ von Anna Martens

Ich gebe zu, eigentlich wollte ich mir das letzte E-Buch von Sebastian Fitzek herunterladen, um es zu lesen und darüber zu schreiben. Ich muss zugeben, dass ich das absolut nicht einsehe für das E-Book von Fitzek knapp 15 Euro auszugeben, wenn es Autoren gibt, die ihre E-Books deutlich preiswerter abgeben und dabei vom Unterhaltungswert, vom Thema und Inhalt her mindestens gleich gut sind. Möglich, dass meine Rezensionen ungewöhnlich und anders sind, was mir eine liebe Kollegin schon mal gesagt hat, aber so bin ich eben, so schreibe ich sie halt. Irgendwann wird das E-Book von Fitzek preiswerter sein, dann wird immer noch Zeit sein es zu lesen und darüber zu schreiben. Das läuft nicht weg.


„Identität unbekannt“ von Anna Martens wird als Thriller angeboten, ich bin wirklich nur zufällig auf das E-Book gestoßen. Vom Thema her ein Thriller, aber das Werk selbst ist kein Thriller, dazu fehlt mir diese knisternde Spannung, auch dass der Täter durch die Handlung läuft, oder man irgendwie raten oder vermuten kann. Das hat hier komplett gefehlt. Ein kleines Mädchen wird tot aufgefunden, angebunden an einem Sonnenschirmständer aus einem beschaulichen See gefischt, nett eingepackt in einer Decke und mit roten Bändern, fast kunstvoll, verschnürt. Claudia Brandes, eine Kriminalreporterin wird von dem Kriminalkommissar Steffen Drews zu diesem Tatort gerufen. Er möchte durch ihre Intuition der Lösung des Falles schnell näher kommen. Aber der Mann hatte einfach nur ein Auge auf die Journalistin geworfen. Das vorweg, das ist die Aufgabenstellung. Die Ermittlungen der beiden gehen in unterschiedliche Richtungen und sind dabei seltsam miteinander verwoben, laufen parallel, aber nicht gemeinsam. Das hätte ich anders erwartet, gerade weil der Mann eindeutig ein Auge auf die junge Frau geworfen hat.

 
Natürlich ist ein weiterer Mann im Spiel, der im Laufe der Handlung zum Kummerkasten mutiert, denn mit seiner Hilfe beginnt Claudia das Trauma ihrer Kindheit aufzuarbeiten. Das ist natürlich schwerwiegend, dreht sich aber im Verlauf der allgemeinen Handlung immer und immer wieder im Kreis und bewegt sich nur schwer voran. Ausgelöst durch den Anblick des toten Kindes lässt sich dieser Prozess der persönlichen Aufarbeitung bei Claudia nicht mehr aufhalten, aber dieser Part gefällt mir persönlich absolut nicht, aber das muss es nicht, das sehen andere Leser sicherlich ganz anders und macht die Vielfalt der Kritik erst möglich. Es ist nicht der Konflikt, dem die junge Frau ausgesetzt ist, sondern die Art und Weise wie er immer wieder auftaucht.

 
Anna Martens packt in ihrem Roman ein heißes Eisen an, eigentlich zwei oder gleich drei in einem Kriminalroman. Das hat mir sehr gut gefallen und die Themen sind solcher Art, da balle ich in Gedanken meine Fäuste aus Wut, aus Hilflosigkeit. Das erste heiße Eisen ist Menschhandel auf zwei und mehr Ebenen. Es gibt den Handel dem junge Frauen zum Opfer fallen und zur Prostitution gezwungen werden, darum geht es nicht, sondern den Handel in dem Babys und Kinder wie Ware gehandelt werden, weil es einmal um Geld geht, zum Beispiel was Leihmutterschaft angeht und ein anderes Beispiel, dass Eltern viele Kinder haben und dabei bettelarm sind, so bettelarm, dass Müllhalden der letzte Ausweg sind und sie froh sind, wenn ein hungriges Kind weniger am Tisch sitzt. Natürlich gibt es leider auch sehr viele Frauen, die keine Kinder bekommen können und für die das der letzte Ausweg zu sein scheint. Aber in diesem Werk geht es nicht um eine heile Welt in die Kinder gegeben werden, sondern, dass Kinder vom Vorzimmer der Hölle in die Hölle schlechthin geraten, weil das ein großer schwarzer Markt ist. Vielleicht hätte die Autorin ihre Idee, ihre Recherchen nutzen können, noch tiefer gehend zu schreiben. Letztendlich, wer fängt all jede jungen Erwachsenen auf, die in ihrer Jugend Schlimmes erlebt haben, verraten, verkauft und weiter geschoben wurden, oder aus zerrüttenden Familien stammen? Kinder, die das Martyrium einer zerrütteten Kindheit überleben, werden irgendwann auch mal erwachsen sein. Diese drei so komplexen Themen hat die Autorin perfekt miteinander verknüpfen können. Ich persönlich hätte mir an der einen oder anderen Stelle noch mehr Härte in der Wortwahl und den Formulierungen, noch mehr Wut der Protagonisten gewünscht, noch mehr Tiefe in dieser schweren Materie gewünscht. Das wäre in meinen Augen dann ein Schritt näher bei einem Thriller gewesen.

 
Die Autorin erzählt die Handlung fließend und schafft es in der Tat, den Leser mit in die Handlung zu nehmen. Der Roman endet mit der Auflösung des Falles, aber dennoch abrupt und wer hofft zu erfahren für welchen der Männer oder ob überhaupt oder wie ihr persönlicher Fall am Ende gelöst ist, ob Claudia Brandes ihre eigenen Probleme wirklich lösen konnte, der muss das seiner Phantasie überlassen und kann so alle möglichen Lösungen für sich konstruieren. Ich mag das sehr gerne, sehr viel lieber als wenn die Protagonisten dann Hand in Hand von dannen ziehen. Wer einen fertigen, abgeschlossenen Roman erwartet hat, wer ein Happy End erwartet hat, wer weiß, bei diesen vielen offenen Fragen, wird es vielleicht einen weiteren Fall mit Claudia Brandes, der Kriminalreporterin geben.

 
In der Summe ist der Krimi gute Unterhaltung. Vielleicht ist es eine Option, als Autorin weiß ich selbst wie schwer das ist, auch den letzten Fehler zu finden, jetzt nach einer ganzen Zeit, das Manuskript abermals zu lesen und vielleicht auch den einen oder anderen Wiederholungs- und Tippfehler, sowie kleinere Fehler in der Logik zu entdecken und zu korrigieren. Das ist kein so großes Mango, das stört und nichts was hindern kann, um den Kriminalroman nicht zu lesen. Ich kann „Identität unbekannt“ von Anna Martens absolut empfehlen.

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