„Bittere Wunden“ von Karin Slaughter

Im Grunde muss man dieses Werk nicht rezensieren, da es bereits im Herbst 2014 erschienen ist, dennoch hat es mich fasziniert zu lesen. Karin Slaughter verflechtet in ihren Themenreihen die Figuren miteinander und jede dieser Figuren hat irgendwann in einem ihrer Werke die Hauptrolle. Ich werde mir Mühe geben, das so einfach wie möglich zu beschreiben. In diesem Buch erlebt der Leser zeitgleich ein Amerika, das man nicht haben muss: KluKluxKlan, Frauen ohne Rechte. Die Auswirkungen davon kommen mir irgendwie bekannt vor, wenn ich in den arabischen Lebensraum schaue. Georgia, wo der Thriller spielt, gehört zu den Südstaaten, deren eigene Geschichte man hierbei nicht vergessen darf.


Junge Frauen, meist Prostituierte, werden in Atlanta 1975 entführt und auf bestialische Art und Weise gefangen gehalten und ermordet. Junge Frauen werden im Atlanta von heute ebenfalls wieder entführt, grausam misshandelt und getötet.
In diesem Thriller geht es um Will Trent und seine Vorgesetzte Amanda Wagner. Will wird fast mit Gewalt von seiner Vorgesetzten Amanda von einem Fall ferngehalten und muss deswegen seit rund zwei Monaten Dienst am Flughafen schieben. Sie begründet das damit, weil seine Haarlänge nicht den Vorschriften entspricht. Er muss dort auf der Herrentoilette Männer, die sich zu sexuellen Handlungen entblößt zeigen, verhaften. Aber er wäre nicht Will Trent, würde er nicht irgendwie herausbekommen, dass sein eigener Vater, ein Serienmörder, aus dem Gefängnis entlassen wurde. Ausgerechnet in der Zeit, als dieser sein Unwesen getrieben hat, gab es, laut diesem Buch 1975 keine Todesstrafe. Heute gibt es sie aber in Georgia definitiv wieder, ich habe das nachgelesen.
Die Autorin springt zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1975 hin und her, aber nicht ohne in der Überschrift des Kapitels darauf hinzuweisen. Trotzdem hatte ich am Anfang einige Probleme ihr zu folgen. Atlanta 1975, das Leben ist kein Zuckerschlecken für Schwarze und Frauen. Gleichberechtigung besteht, wie in diesem Thriller am Beispiel der Polizei aufgezeigt wird, nur auf dem Papier. Trotz Aufhebung aller Schwarz/Weiß-Trennungen, ist diese immer noch in den Köpfen vorhanden und das bis heute. Amanda Wagner und Evelyn Mitchell, beide Mitte 20, sind zur Polizei gegangen. Diese junge Frauen dürfen ohne Zustimmung ihrer Männer, Väter oder Brüder kein Auto kaufen, kein eigenes Bankkonto haben, keine Kreditkarte, im Grunde genommen noch nicht mal aufs Klo gehen, ohne zu fragen, nicht den Job machen, denn sie tun wollten. Amanda, Evelyn und Vanessa, die ab und an mit von der Partie ist, wollen aber nichts anderes tun, als reine Polizeiarbeit, wie ihre männlichen Kollegen auch, wollen eigenständig Ermittlungen durchführen, auf Verbrecherjagd gehen, ihr Fälle lösen, Verbrecher hinter Gitter bringen. Gar nicht so einfach für Frauen damals, da Männer einfach unterstellt haben, dass Frauen nicht für den Polizeidienst geschaffen sind, außer vielleicht, um als Verkehrslotsen schlurfende Schüler über die Straße zu leiten. Wo immer es möglich war, wurden die Frauen unterdrückt, müssen für die Detektivs deren Berichte tippen und werden obendrein von ihnen sexuell heftig angegangen und verbal beschimpft. Beschreibungen von den düstersten Stadtteilen Atlantas runden das Bild der Unterdrückung der Frauen, die Trennung von Schwarzen und Weißen dramatisch ab. Allein aus dieser Sicht ist dieser Thriller sehr interessant zu lesen, wirkt auf mich zeitweise beklemmend. Diese drei Frauen widersetzen sich allem und fangen einen Serienmörder.
Amanda Wagner hat schon immer zu Will Trent ein besonderes Verhältnis. Sie war es, die ihn zur Polizei geholt hat und die seine Legasthenie gedeckt hat, die ihn einerseits quält, andererseits ihren Schutz über ihm ausbreitet. Gelegentlich liest sich das, auch in anderen Werken eigenartig, denn Will erscheint mir häufig unterwürfig. Das, was 1975 geschehen war, reicht bis in die Gegenwart hinein, was den Thriller sehr interessant werden lässt, zumal am Ende sehr Überraschendes aufgedeckt wird. Will war noch nicht geboren und Amanda kämpft darum in ihrem Job anerkannt zu werden. Unsagbar grausam geht der Mörder mit seinen Opfern um und wer schwache Nerven hat, der sollte das überlesen. Allerdings gibt es für mich einen absoluten Widerspruch, dass das so, wie der Täter das mindestens in einem Fall über einem Zeitraum von mehr als einem Jahr gehandhabt haben soll, kann aus medizinischer Sicht absolut nicht sein, aber ich lasse die schriftstellerische Freiheit zu, das muss man in Fantasiegebilden immer können.
Wer Will Trent kennen lernt, der bekommt das Gefühl es nicht mit einem besonders intelligenten Mann zu tun zu haben, was nichts mit der Legasthenie zu tun hat, sondern mit dem Eindruck einer Unterwürfigkeit seiner Chefin gegenüber, die nicht zu erklären ist. Das wird mir von der Autorin so vermittelt. Er war im Waisenhaus aufgewachsen, hat dort Angie kennen gelernt, die er in einem idiotischen Moment geheiratet hat. „Du traust dich ja nicht!“ hatte Angie in einem der früheren Werke zu ihm gesagt. Nun ist er mit ihr verheiratet, was aber eine Off/On-Ehe ist, die auf einem Fundament aus Hassliebe gebaut ist. Angie ist es, die das Off/On-System betreibt, immer nur für kurze Auftritte da ist, sich Will unterjocht, versucht ihn noch mehr zu zerbrechen und zu verbiegen und ist dann genauso schnell wieder verschwunden. Das ist für mich komisch, aber auch hier gilt schriftstellerische Freiheit. Er lernt Sara kennen, die Witwe eines Polizeichefs, die ihre eigene Thriller-Reihe hat, und die beiden lernen sich zu lieben. Eine Liebe, die so zart, so schön und zerbrechlich ist, die aber immer wieder durch Angie unterbrochen wird und der Leser wünscht sich, dass Ehefrau endlich mal beim Teufel bleibt. Sie spielt erneut eine kurze Rolle, taucht kurz auf und ist dann erneut verschwunden. Ich gehe davon aus, dass irgendetwas mit ihr und Will in einem der nächsten Bände noch passieren wird.
Dr. Sara Linton arbeitet als Ärztin am Grady Memorial Hospital und ist nebenbei als Gerichtsmedizinerin zugelassen. Sie hat unter Pete Hanson gelernt, der am rechtsmedizinischen Institut von Atlanta auch 1975 schon tätig gewesen war. Die beiden kennen sich über Jahre und mögen sich. Dr. Hanson, erkrankt schwer an kleinzelligem Lungenkrebs, wird sehr bald sterben und bietet Sara Linton an seine Nachfolgerin zu werden. Dr. Pete Hanson zieht Sara Linton in den Fall hinein, die auf diesem Weg vom dunklen Geheimnis Wills, das er bislang vor ihr geheim gehalten und streng gehütet hat, erfährt.
Alles läuft aufeinander zu und endet auch dann nicht, als der Serienmörder erneut überführt wird. Die Fäden, die Karin Slaughter nebeneinander herlaufen lässt, miteinander verschlingt, ihren Lauf wieder voneinander löst, Geschichte mit einfließen lässt, ist einfach perfekt.
Zugegeben, das klingt nach vielen einzelnen Baustellen und sehr verwirrend, aber am Ende laufen alle Fäden, auch die von 1975, zusammen und der Fall klärt sich, nein, er löst sich auf und ganz nebenbei wird noch ein weiterer Mörder gefangen. Wer Thriller mag, über ein lebhaftes Kopfkino verfügt, der ist hier absolut richtig. Leseempfehlung!

Bleibt gesund und munter!

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